Ein kurzer Blick auf meine Armbanduhr bestätigt meine Vermutung, dass ja das Jahresende bald da sein müsste. Es ist schon wieder der 31.12. – wie die Zeit vergeht. Was steht heute am Plan?
Nach einem kurzen Gespräch mit Pepi ist klar, dass wir einen lockeren Tag vor uns haben. Am Nachmittag noch einen Moscheebesuch und am Abend dann Silvesterfeier zuhause bei Mamadou.
Also heißt es nach einem sehr gemütlichen Vormittag auf in die Stadt. Am Weg zur Moschee bleiben wir noch bei einem Geldwechselinstitut stehen um unsere Euros auf CFRs wechseln zu lassen. Auch hier haben wir wieder das gewohnte Bild nach dem Aussteigen aus unserem Bus. Die jungen und älteren Schwarzen überfallen uns mit allen möglichen Produkten. Mittlerweile hat man sich schon ein wenig daran gewöhnt und es tut nicht mehr ganz so weh einem Verkäufer – auch wenn er noch so lieb ist – abzusagen.
OK das war jetzt übertrieben…ich hab mir ein afrikanisches Tuch gekauft, nachdem der Kollege eine viertel Stunde auf mich eingeredet hat. Für was ich dieses Tuch brauchen kann? Keine Ahnung
…aber es war für einen guten Zweck.
Dann haben wir aber auch schon die nächste Offenbarung. Wir wandern in den Supermarkt (Marina Market). Vorm Supermarkt findet man am Silvestertag eine Menge an bettelnden Müttern, die ein paar CFRs wollen um ihren Kindern etwas zum Essen besorgen zu können. Dann geht man in den Supermarkt und fühlt sich plötzlich wieder europäisch. Wow hier gibts Marmelade, Nutella und fast das Wichtigste: Klopapier. Ich nehme das Modell: extraweich. 4 Rollen? Ja muss reichen für eine Woche. Haha der war gut.
Nachdem wir das Wichtigste besorgt haben kämpfen wir uns zurück in unseren Bus und fahren los Richtung Moschee. Dort angekommen springen wir aus dem Bus und ich will schon eifrig losfotografieren, weil sie wirklich sehr speziell aussieht. Aber wir werden in unserer Euphorie von ein paar Touristenführern gebremst. Fotos gibts nur wenn wir auch dafür zahlen. Obendrauf bekommen wir aber eine Führung durch die Moschee. Die meisten von uns nehmen das Angebot an und wir marschieren durch die dunkle Moschee um anschließend einen Blick auf das Dach dieses besonderen Bauwerkes zu werfen. Den zweiten Teil des Rundgangs absolvieren wir dann mit dem Muezzin dieser Moschee. War er es also, der mich jeden Morgen mit seinem Schreigesang weckte? Hmmmm. Aber er posiert für ein paar nette Fotos…das machte einiges wieder gut.
Nach diesem fotoreichen Rundgang gings dann wieder zurück zu unseren Quartieren. Kurz war noch Zeit zum Chillen. Doch nachher hatten wir nicht mehr wirklich Lust auf eine afrikanische Silvesterfeier. Doch wir waren eingeladen – also fuhren wir geschlossen. Fast. Florian war gesundheitlich leider nicht ganz fit und musste zuhause bleiben. Ganz alleine Silvester in Afrika…der Arme. Aber vielleicht gefällts uns eh nicht und wir sind wieder zurück – vor Mitternacht.
Als wir bei Mamadou zuhause ankamen, war schon wilder Trommelwirbel zu vernehmen. Mamadou versicherte uns, dass ein Tisch für uns reserviert wurde. Als wir ihn sahen war mir klar, dass wir ziemlich “abgeschottet” von der restlichen Familie Mamadous sitzen würden. Es gab wieder was zu essen. Wer will raten? Genau Reis mit Kraut und Salat und ich glaub es war wieder Fisch oder Huhn. Dazu aber zur Feier des Tages Nudeln. Das war super.
Im Hintergrund ein ständiger – nicht enden wollender – Trommellärm (angeblich trommeln die 3 Tage durch). Für manche von uns wurde es schon eher anstrengend. Ein Blick auf die Uhr bestätigt: das wird ein laaanger Abend.
Um mich ein wenig unter die anderen Besucher zu mischen, schnappe ich meine Canon und fotografiere los. Innerhalb weniger Minuten hab ich einen persönlichen Blitzassistenten zur Hand. Für ihn scheint es eine große Ehre zu sein, mir zu helfen. Und mich hats auch gefreut. So fotografierten wir fast alle der 250 Gäste einmal ab. Alleine oder in Gruppen. Jeder wollte mal abgelichtet werden und jeder freute sich wie ein Kind, wenn er sich am Display wieder entdeckte – schön.
Die Weißen essen am Tisch, die Schwarzen am Boden. Das ist schon sehr komisch. Nach ca. 1 Stunde bekommen wir ein Bier. Aber wieder nur wir. Schön langsam find ich das fast unangenehm. Erst als Mamadous Brüder mit weiteren Kisten – gefüllt mit Fanta und Bier – ankommen, bin ich beruhigt. Doch auf eine Flasche Bier kommen ungefähr 4 Freunde oder Verwandte vom Mamadou. Aber teilen ist hier sowieso ganz groß angesagt. Da kann man noch viel lernen.
Jetzt werden einige von uns aufgefordert beim Rundtanz im Innenhof des Gebäudes mitzumachen. Vielleicht ist “Tanz” ein wenig übertrieben….aber wenns viele gleichzeitig machen könnte es schon fast wieder ein Tanz sein. Klingt jetzt nicht sehr spannend, aber wenn man länger zusieht, schauts gar nicht unattraktiv aus. Und viele nehmen das Angebot auch an. Sogar ich hab mal mitgemacht, als ich eine kurze Pause beim Fotografieren eingelegt habe. Fragt mich aber nicht mehr nach dem genauen Schritt. Es gibt mehrere Kombinationen. Einer war 3 Schritte vor, 1 zurück, 3 vor, 1 zurück….und schön im Kreis. Horcht sich komisch an, aber es macht auf einmal Spaß. Die anderen Gäste amüsieren sich sehr mit uns, und freuen sich, dass wir mitmachen. Wir fühlen uns fast, als gehörten wir zur Familie.
Jetzt hab ich das erste mal das Gefühl im Bauch, dass es ein ganz besonderes Silvester werden kann. Durch den Tanz kommen sich die “Congarillas” und die restlichen Gäste immer näher. Innerhalb kürzester Zeit hat sich die räumliche Aufteilung in “wir” und “sie” aufgelöst. Die Besucher – egal ob Schwarz oder Weiß – durchmischen sich.
Ein Junge kommt auf mich zu und zeigt mir seinen ganzen Stolz: EINE Babyrakete. Darauf freut er sich schon ganz besonders…um Mitternacht lässt er sie steigen. Ich gebe ihm ein Haribo ….und er freut sich noch mehr. Hoffentlich jagt er sie nicht in die Luft
.
Als ich fotografierend durch den Innenhof marschiere – mit meinem Assistenten im Schlepptau – ist es plötzlich soweit: Mitternacht. Jetzt wirds ganz speziell. Jeder umarmt jeden. Beinahe jeder von Mamadous Familie umarmt einen und wünscht einem ein gutes neues Jahr. Wow, ich bin überwältigt von der Einstellung und der Offenherzigheit dieser Menschen. Als dann aber einer der Familienältesten aufsteht, auf mich zugeht, mir um den Hals fällt und seinen Satz aufsagt, dass er mir ein gutes neues Jahr, viel Gesundheit und möglichst wenig Probleme für 2011 wünscht, wars um mich geschehen. Ich war in diesem Moment extrem gerührt und bekam feuchte Augen. Aber für mehr war nicht Zeit, weil der nächte Gast einem schon um den Hals fiel.
WELCH EIN FEST – ich würde sagen, dass es das intensivste Silvesterfest bis dato war. Wunderschön.
Nach diesem Mitternachtsact, der dementsprechend seine Zeit in Anspruch nahm, ging ich nochmal ins Haus und sah wieder etwas Faszinierendes. Die Großeltern saßen im Wohnzimmer und 7 Kinder schliefen friedlich am Fliesenboden. Keine Betten – am nackten Boden. Eine der größeren Jungs sind noch auf und schnappen sich meine letzten Haribos. Hab ich schon erwähnt, dass man sich hier so richtig freut, wenn man etwas herschenken kann? Als ich bei einer größeren Gruppe vorbeihuschte und mir einer eine Trinkbewegung mit der Hand zeigte war mir klar: der Herr hat Durst. Ich hole meine jungfräuliche 2. Flasche Bier und schenke sie ihm. Ihr könnt euch nicht vorstellen, welche Freude dieser Gast mit der Flasche hatte. Ein paar Minuten später sehe ich, dass auch diese Flasche wieder unter den 4 Ältesten aufgeteilt wurde. Wahnsinn.
Um 2 Uhr früh brechen wir dann mit unserem Bus auf in Richtung Quartier. Alle sitzen im Bus und können diese erlebte und gefühlte Menschlichkeit gar nicht fassen. Welch ein Fest. Gottseidank sind wir alle mitgefahren. Bonne Année!
1 Comment
meli
22 Jan 2011 05:01 pm
Da Citi, Philipp, Dominik, Chrisi, Patrick, Markus und ich noch in Feierlaune waren, beschlossen wir uns die Silvesternacht noch weiter um die Ohren zu schlagen. Die Disco lag ja gleich hinter unserem Haus, hätte nicht idealer sein können. Super motiviert, zahlten wir den Eintritt und uns empfing coole Reggae Musik, zu der wir gleich los tanzten. Die Burkinaben und Burkinabinen haben die Gewohnheit, mit sich und ihrem Spiegelbild zu tanzen, was uns einigermaßen amüsierte. Bald jedoch konnten wir sie von etwas anderem „neuen“ überzeugen. Wir bildeten einen Kreis, das hatten wir bei dem Silvesterfest gelernt ;o) und in dem Kreis tanzten abwechselnd ein Pärchen, oder 2 Frauen oder ein Mann. Auch hier funktionierte die sprachlose Kommunikation bestens, es wurde viel gelacht, geshaked, und viel gegenseitige, achtsame Aufmerksamkeit war spürbar. Wir waren alle ziemlich ausgelassen und freuten uns über dieses Kontrastprogramm und es kam uns alles wieder so positiv unwirklich vor.
Die Stimmung schlug dann aber leider um, als Philipp plötzlich bemerkte, dass seine Geldtasche nicht mehr in seiner Jackentasche war. Alle halfen suchen, aber natürlich war sie nicht wieder zu bekommen. So gingen wir dann doch etwas betrübt heim, wobei Philipp da schon wieder bemerkte, dass dies dem tollen Silvester nicht wirklich einen Abbruch getan hatte, und spätestens, als wir noch draussen saßen und den Muezzin rufen hörten, machten wir schon wieder Späße und hatten Lachkrämpfe als wir uns vorstellten, dass in den Gebetsrufen, der Verlust beklagt wurde.
Nicht wirklich müde gingen wir letztendlich doch in unsere Betten.